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Muss nur noch kurz die Welt retten / danach flieg ich zu dir / Noch 148 Mails checken / wer weiß was mir dann noch passiert / denn es passiert so viel / Muss nur noch kurz die Welt retten / und gleich danach bin ich wieder bei dir…

Diese Liedzeilen von Tim Bendzko (2011) nehmen das Bild der „Rettung der Welt“ ironisch auf, zu einem Zeitpunkt, da tatsächlich die Welt nicht mehr der ruhige Ort zu sein scheint, als den man sie sich für die Vergangenheit vorstellt. Aber ist das so? Oder bilden wir es uns nur ein? Ist es vielleicht eine Einbildung, der jedes Jahrzehnt oder jede Generation immer wieder erliegt? Meine persönliche Position sei hier klargelegt: Ja, wir haben ein Problem. Nein, wir bilden es uns nicht nur ein.

Drei Schritte sollen das verdeutlichen: Ein Blick auf die globale Umweltsituation, einer auf den Begriff der Rettung der Welt in der öffentlichen Diskussion, und ein kurzer auf einige andere Probleme, die die Welt auch noch beschäftigen.

Der wohl wichtigste Grund, eine „Rettung der Welt“ nötig zu finden, ist die atemberaubende Geschwindigkeit, mit der die Menschheit derzeit ihre natürlichen Existenzgrundlagen vernichtet. Der wichtigste Aspekt dabei ist die globale Zerstörung des Klimas. Es hat sich zwar im Laufe der Geschichte immer wieder verändert – allein siebenmal in den letzten 650.000 Jahren, zuletzt nach dem abrupten Ende der letzten Eiszeit vor etwa 7.000 Jahren. Aber Eiskerne aus Grönland, der Antarktis und tropischen Gebirgsgletschern zeigen, dass das Erdklima auf Veränderungen des Treibhausgasspiegels reagiert, und Baumringe, Ozeansedimente, Korallenriffe und Schichten von Sedimentgesteinen zeigen ein ähnliches Bild: die aktuelle Erwärmung ist etwa zehnmal schneller als diejenige nach der Eiszeit.

Die durchschnittliche Temperatur auf der Erde ist seit dem späten 19. Jahrhundert um ein knappes Grad (Celsius) gestiegen, vorwiegend aufgrund erhöhter vom Menschen verursachter Emissionen von Kohlendioxid und anderen Klimagasen (wie Methan) in die Atmosphäre. Der größte Teil der Erwärmung erfolgte in den letzten 35 Jahren, wobei die fünf wärmsten Jahre seit 2010 verzeichnet wurden. 2016 war nicht nur das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen, sondern acht der 12 Monate, aus denen sich das Jahr zusammensetzt – von Januar bis September, mit Ausnahme des Junis – zeigten jeweils die höchsten Temperturdurchschnitte der entsprechenden Monate jemals. Ein großer Anteil der Wärme wurde von den Ozeanen absorbiert, die sich allein seit 1969 um 0,2 Grad erwärmt haben. Bilder hungernder Eisbären symbolisieren das Abnehmen des arktischen und antarktischen Eises, dessen Ausdehnung sich in den letzten Jahrzehnten jeweils um knapp 4 Prozent reduziert hat. Und an den Gletschern in den Bergregionen wärmerer Kontinente, wie etwa in der Schweiz, sieht man den Rückgang des Eises seit dem mittleren 20. Jahrhundert noch viel deutlicher.

In den gesamten gemäßigten Breiten sind die Winter weniger kalt, und der Frühling kommt früher. Auch sonst hat sich das Wetter verändert: Die amerikanische Hurrican-Saison wird immer intensiver, in Mitteleuropa hat das Risiko von Hochwassern und Gewittern seit 1980 etwa verdreifacht, entsprechend haben auch die Anteile der Schadenssummen und Versicherungsprämien an der Wirtschaftsleistung zugenommen. Auch dass die Pflanzen- und die Tierwelt sich verändern, ist klar zu sehen.

Und die Zunahme an CO2 führt nicht nur zu Erwärmung, netterweise für das Klima nehmen die Ozeane nämlich einen großen Teil davon auf, aber sie versauern dabei. Dies bedroht zahlreiche Meereslebewesen, da sich Kalk bei sauerem Wasser nicht mehr gut als Schale etwa bei Muscheln und Schnecken anlagert. Weiterhin hohe CO2-Emissionen könnten bis Ende des Jahrhunderts dazu führen, dass der pH-Wert auf Werte fällt, wie sie seit mehr als 50 Millionen Jahren nicht mehr in den Ozeanen vorkamen. Durch diese Versauerung und dazu Verschmutzung und Überfischung ist das Leben in den Ozeanen massiv bedroht. Und das gilt wiederum nicht nur im Wasser: Wenn der Mensch die Biosphäre weiterhin so zerstört wie bisher, wird die Hälfte der höheren Lebensformen der Erde bis 2100 ausgestorben sein. Und so weiter und so fort. Die Welt sieht sich massiven Problemen gegenüber, und es scheint so, als wäre die Fähigkeit, sie zu lösen, nicht besonders ausgeprägt.

Dies zu ändern, ist nur einer der Gründe für Zivildemokratie. (Wenn auch, wenig verwunderlich, der wichtigste.) Lesen Sie mehr dazu im Buch „Zivildemokratie“, aus dem dieser Auszug entnommen ist.

Zivildemokratie (Taschenbuch, Jan 20)

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