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Das Buch beginnt von daher mit einem Verständnis des Weges, auf dem wir in die derzeitigen Probleme hineingekommen sind. Ein Problem zu haben heisst, etwas tun zu müssen, es geht also um Möglichkeiten, die Welt zu beeinflussen, und die Entscheidungen, die dafür nötig sind. Und es geht um das „wir“, nämlich die Struktur menschlicher Gesellschaften in Bezug auf solche Entscheidungen. Solche Entscheidungen sind nie einfach nur private Entscheidungen, sondern sie haben immer auch Einfluss auf andere Menschen, und damit spielt eine große Rolle, wer da wieviel Einflussmöglichkeiten hat, im Verhältnis zum anderen gesprochen: wieviel Macht. Alle großen Probleme, die die Menschheit derzeit hat, haben alle mit Macht zu tun. Wir brauchen also zunächst eine kurze Geschichte der Macht. Sie bildet den ersten Teil dieses Buches.

Und diese Geschichte der Macht stellt sich so dar, dass sie am besten in vier Kapiteln erzählt wird, die sich in der klaren historischen Abfolge entfalten. Die „Anfänge der Macht“ (Kap. 3) legen bestimmte Grundlagen: die grundlegende Anlage des Menschen auf Freiheit und Verantwortung hin, die technologische Unterscheidung zwischen Machtkonzentrationen und relativ gleichen Machtverteilungen, die Machtquellen des physischen Zwanges, der Schrift und der Vielfalt, und der historischen Phase, in der überall in der Alten Welt Institutionen gebildet wurden, um die Machtquellen des physischen Zwanges und der Schrift in je unterschiedliche Gleichgewichte zu bringen.

Kapitel 4 schaut sich eines dieser Gleichgewichte genauer an, nämlich die spezifische Form, wie Macht in Europa austariert wurde. Europa wurde zu Europa, indem es im frühen Mittelalter eine ganz bestimmte Struktur der Gesellschaft entwickelte. Ich nenne sie „groups under roofs“, „Gruppen unter Dächern“: Die Struktur, die sich in Europa entwickelte, teilte Menschen in einer Art in Gruppen auf und trainierte sie darin, einerseits sich in diese Gruppen einzuordnen und andererseits dennoch übergeordnete Institutionen zu akzeptieren. Das Neue im dritten Jahrhundert waren die übergeordneten Institutionen, aber das im internationalen Vergleich spezifische des europäischen Modells war, dass es auch im dichter und dichter sich bevölkernden Kontinent Gruppen behielt, die weitgehend überschneidungsfrei blieben. Mathematiker verwenden hier den Begriff der Partitionierung, und dieser Aspekt ist in den gegenwärtigen Problemen so wichtig, dass ich das im Folgenden auch tun werde. Dabei spielte das Christentum über mehr als tausend Jahre die entscheidende Rolle. Und indem solche partitionierenden „Gruppen unter Dächern“ zu Organisationen werden und Wettbewerb zwischen ihnen entsteht, war das ein ungeheuer erfolgreiches Konzept, das den Erfolg Europas mitbegründete.

„Im zwanzigsten Jahrhundert“ (Kap. 5) sehen wir, wie das „groups under roofs“-Konzept sich vom Christentum emanzipierte und die Grundlage dafür abgab, dass in und nach der großen Modernisierungskrise 1914-1945 sich diejenigen Institutionen entwickelten, mit denen die Komplexität der entstandenen Industriegesellschaften ziemlich erfolgreich bewältigt werden konnte. Diese Institutionen gaben die Blaupause ab für ein eurozentrisches Verständnis von Modernisierung, das sich teils besser, aber größtenteils eher schlechter über die ganze Welt verbreitete. Das Jahr 1968 steht symbolisch und auch ganz praktisch dafür, dass schließlich auch im Westen selbst die im täglichen Leben notwendig autoritäre Gesellschaft der Gruppen und vorgegebenen Positionen infrage gestellt wurde und wir nun ein gutes halbes Jahrhundert hinter uns haben, in dem die westlichen Gesellschaften strukturell individualistischer wurden (sie wurden daneben auch von den Werten individualistischer, aber das interessiert uns hier weniger) und sich auf diese Weise von der partitionierenden Struktur des alten Europa entfernte und, ohne es zu merken, dem Rest der Welt anglich.

Die Institutionen sind aber bis heute diejenigen, die für die partitionierende Gruppenstruktur des alten Europa entworfen waren und für sie passten. Immer noch wählen wir bei Wahlen, indem wir uns einer und nur einer Partitionierungsgruppe zuordnen. Und indem wir für eine politische Position kandidieren und sie gewinnen oder nicht, teilen wir uns auf darin, entweder bei allen Entscheidungen dabei zusein oder nicht – während Gruppenzugehörigkeiten und Bedürfnisse, mitzureden und mitzuentscheiden, ansonsten längst bunt verteilt sind. Wenn aber partitionierende Institutionen auf eine Gesellschaftsstruktur treffen, die nicht (oder nicht mehr) partitionierend, sondern strukturell individualistisch ist, dann entstehen verschiedene Probleme (Kap. 6). Wir werden dabei sehen, wie diese Kombination ganz automatisch zur Ignoranz von Themen, zur Entfremdung zwischen Bürgern und Politikern, zu unerfüllten Repräsentationserwartungen, dem Gefühl des Demokratiedefizits und gesellschaftlicher Polarisierung führt – völlig unabhängig von der Moral der Beteiligten, ganz einfach, weil die Institutionen für die Struktur der Gesellschaft nicht oder nicht mehr passen.

Für den zweiten Teil des Buches, der die Zivildemokratie diskutiert mit ihrer Anwendbarkeit, den nötigen Vorsichten bei ihrer Einführung, und die Strategie dafür, siehe den nächsten Beitrag.

Um direkt weiterzulesen, kaufen Sie das Buch Zivildemokratie (aus dem dieser Ausschnitt entnommen ist) folgen Sie weiter dieser Seite.

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